Das perfekte Interview-Bild – wie der Goldene Schnitt dein Interview professionell macht

Bildgestaltung für Interviews

Interviews führen fiel mir am Anfang besonders schwer. Ein gutes Interview ist wie ein Gespräch – aber nun steht die Kamera dazwischen.

Ich erinnere mich an eine Dokumentation die ich im Studium begann. Ich war allein mit einem Straßenmusiker. Das Interview war gut: lebendig, organisch, emotional. Aber im Nachhinein stellte ich fest, dass die Kadrierung nicht stimmte. Also habe ich es noch einmal gedreht. Das zweite Interview war technisch besser. Aber es hatte nicht mehr diese Unmittelbarkeit des ersten Moments.

Heute würde ich sagen: Ich hätte das erste Interview trotzdem verwenden sollen. Aber damals wollte ich mir vor meinen erfahrenen Studienkolleginnen keine Blöße geben.

Damit dir zumindest das mit der Kadrierung nicht passiert, zeige ich dir hier, worauf du achten musst.


Inhalt

  1. Was ist Kadrierung – und warum entscheidet sie über alles?
  2. Der Goldene Schnitt im Interview – das Führungs-Auge
  3. Blickrichtung – links oder rechts?
  4. Einstellungsgrößen im Interview – wann wechselst du?
  5. Die Interview-Dramaturgie – vom Allgemeinen zum Intensivsten
  6. Der Augenschnitt-Trick – ein Profi-Geheimnis
  7. Schnittbilder nicht vergessen
  8. Fazit & Checkliste

Was ist Kadrierung – und warum entscheidet sie über alles?

Kadrierung – oder auf Französisch Cadrage – bezeichnet die ästhetische Platzierung von Personen und Gegenständen im Bildformat. Als Kamerafrau oder Kameramann „platzierst“ du die Objekte im Bild durch deine Position zu den Personen, durch die Wahl der Brennweite und durch die Einrichtung der Kameraposition.

Die Kadrierung entscheidet darüber ob der Betrachter das Bild als schön, angenehm, spannend, harmonisch oder beunruhigend wahrnimmt. Und das passiert größtenteils unbewusst. Der Zuschauer merkt es nicht, aber er fühlt es.

Das Bild funktioniert hochgradig emotional. Deshalb lohnt es sich die Regeln dahinter zu kennen.

Eine Interviewsituation im Vergleich: einmal schlecht und einmal gut kariert.

Der Goldene Schnitt im Interview – das Führungs-Auge

Ich habe im vorherigen Artikel über Bildgestaltung den Goldenen Schnitt ausführlich erklärt. Beim Interview gibt es eine ganz konkrete Anwendung die ich besonders wichtig finde:

Das Führungs-Auge.

Das Führungs-Auge ist das Auge deines Interviewpartners das in das Bild „hineinführt“, also in Blickrichtung zeigt. Dieses Auge sollte immer auf dem Goldenen Schnitt liegen.

Warum? Weil der Zuschauer die meiste Zeit auf die Augen seines Gegenübers schaut. Wenn das Führungs-Auge immer auf demselben Punkt liegt, egal ob du nah oder weiter weg bist, muss der Zuschauer die Augen nach dem Schnitt nicht im Bild suchen. Das Bild wirkt ruhig, harmonisch und professionell.

Führungs-Auge auf dem Goldenen Schnitt - verschiedene Einstellungsgrößen

Die Blickrichtung – immer Raum vor dem Gesicht

Eine einfache Regel die fast alle Anfänger falsch machen: In Blickrichtung des Interviewten muss mehr Raum im Bild sichtbar sein als hinter seinem Hinterkopf.

Wenn das nicht stimmt, wenn der Interviewte sozusagen „aus dem Bild herausblickt“, verliert der Zuschauer unbewusst den Anker im Bild. Es wirkt unruhig, eingeengt, unangenehm.

Bild falsche Kadrierung: zu wenig Raum in Blickrichtung vs. richtige Kadrierung

Blickrichtung – links oder rechts?

Die Blickrichtung deines Interviewpartners wird durch deinen Standpunkt zur Kamera bestimmt:

  • Willst du dass dein Interviewpartner von links nach rechts blickt → steh rechts neben der Kamera
  • Willst du dass er von rechts nach links blickt → steh links neben der Kamera

Das klingt einfach und das ist es auch. Aber es hat kulturelle Bedeutung die du kennen solltest:

In unserem westlichen Kulturraum wirkt die Blickrichtung links nach rechts als zukunftsgewandt, progressiv, dynamisch. Die Blickrichtung rechts nach links wirkt als in die Vergangenheit gewandt.

Das ist kein Zufall, denn wir lesen von links nach rechts. Das hat sich tief in unsere visuelle Wahrnehmung eingeschrieben.

Praktische Konsequenz: Wenn dein Interviewpartner über Zukunftspläne spricht, dann lass ihn von links nach rechts blicken. Wenn es um Erinnerungen oder Vergangenheit geht, dann von rechts nach links. Das unterstreicht den Inhalt visuell ohne dass der Zuschauer es bewusst bemerkt.

Wichtig: In Japan und arabischen Ländern gilt das genau umgekehrt, denn dort liest man von rechts nach links.

Hinweis: Möchtest du verschiedene Blickrichtungen im Interview einsetzen – zum Beispiel Zukunft nach rechts, Erinnerung nach links – dann achte darauf diese nicht direkt aufeinander zu schneiden. Der Wechsel der Blickrichtung erzeugt einen Achsensprung der den Zuschauer desorientiert. Wie du das vermeidest und wann du einen Achsensprung bewusst einsetzen kannst erkläre ich im nächsten Artikel. →


Einstellungsgrößen im Interview – wann wechselst du?

Einstellungsgrößen beschreibe ich ausführlich in einem eigenen Artikel, hier nur das Wichtigste für das Interview:

Beginne weiter weg, mit einer Einstellung die den Menschen im Kontext zeigt. Geh im Verlauf des Interviews näher ran. Die Einstellungsgröße folgt der emotionalen Intensität des Gesprächs.

Und das ist der entscheidende Punkt: Egal wie nah oder weit du bist, das Führungs-Auge bleibt immer auf dem Goldenen Schnitt. So springt das Bild beim Schnitt nicht sondern fließt.

Was du beim Schnitt vermeidest

Falsch kadrierte Interviews erkennt man im Schnitt sofort: Das Auge des Zuschauers muss nach jedem Schnitt neu suchen wo der Interviewpartner im Bild ist. Das kostet Aufmerksamkeit und reißt aus dem Inhalt.

Richtig kadriert, wenn also das Führungs-Auge immer auf dem Goldenen Schnitt bleibt, bemerkt der Zuschauer den Schnitt kaum.


Die Interview-Dramaturgie – vom Allgemeinen zum Intensivsten

Ein professionelles Interview folgt einer klaren Dramaturgie. Die Fragen steigern sich und mit ihnen die Einstellungsgrößen:

Vom Allgemeinen, Beschreibenden… „Wie sind Sie zu Ihrem Beruf gekommen?“ → Weite Einstellung, entspannte Atmosphäre

…über das Persönlichere… „Was schätzen Sie an Ihrer Arbeit am meisten?“ → Mittlere Einstellung, zunehmende Nähe

…zum Intensivsten, Emotionalsten „Was war der schwierigste Moment in Ihrer Karriere?“ → Nahe Einstellung, maximale Intimität

Mit der Intensivierung der Fragen geht also eine Intensivierung der Einstellungsgrößen einher. Das ist kein Zufall, es ist Dramaturgie. Der Zuschauer wird in das Gespräch hineingezogen.


Der Augenschnitt-Trick – ein Profi-Geheimnis

Das ist mein persönlicher Lieblingstipp – und ich verrate ihn dir gerne:

Am Ende des Interviews, wenn der Interviewpartner entspannt ist und das Gespräch gut lief, sagst du ihm dass du noch ein paar Schnittbilder der Augen brauchst. Du erklärt dass du dafür eine sehr enge Einstellung machst in der nur Augen und Nase zu sehen sind, nicht der Mund.

Dann stellst du die letzte, intensivste Frage noch einmal.

Warum? Weil der Interviewpartner jetzt entspannt ist. Weil er nicht mehr „interviewt“ wird. Und weil er in diesem Moment oft farbiger, emotionaler und authentischer antwortet als beim ersten Mal.

Wenn die Antwort besser ist als vorher, wechselst du schnell in eine größere Einstellung damit der Mund wieder sichtbar ist und nimmst sie auf.

Wichtig: Sag ihm vorher dass du die Antwort verwenden möchtest und hol dir seine Zustimmung. Und bleib ehrlich, erwähne nur Dinge aus dem Interview die du wirklich gut fandest. Interviewpartner merken Unehrlichkeit sofort.

Bild enge Augen-Einstellung - Mund außerhalb des Bildfensters

Schnittbilder nicht vergessen

Nach dem Interview denk daran Schnittbilder zu drehen. Hände, Augen, Reaktionen, Umgebung. Diese Bilder kaschieren im Schnitt die Stellen wo du Fragen herausgeschnitten hast oder wo ein Satz nicht ganz rund war.

Und noch ein Tipp: Die Schnittbild-Phase ist oft die authentischste. Der Interviewpartner ist entspannt, das eigentliche Interview ist vorbei und in diesem Moment entstehen manchmal die besten Bilder und O-Töne.


Fazit & Checkliste

Ein gutes Interview-Bild entsteht nicht durch Zufall sondern durch ein paar klare Regeln die du einmal verstehst und dann automatisch anwendest.

Deine Interview-Checkliste:

✅ Führungs-Auge auf dem Goldenen Schnitt platzieren
✅ Mehr Raum in Blickrichtung als hinter dem Kopf
✅ Blickrichtung bewusst wählen – links/rechts je nach Inhalt
✅ Von weiter weg starten, mit Intensität näher rangehen
✅ Einstellungsgröße wechseln – Führungs-Auge auf demselben Punkt
✅ Fragen steigern – vom Allgemeinen zum Intensivsten
✅ Augenschnitt-Trick am Ende nutzen
✅ Schnittbilder nicht vergessen


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