Wir nehmen die Welt so wahr wie wir uns in ihr bewegen.
Wenn wir in einem Gespräch sitzen und rechts von uns etwas passiert, dann drehen wir den Kopf. Wenn wir etwas hören, dann drehen wir den Kopf. Aus der Position in der wir sitzen nehmen wir alles gut wahr: nah, fern, links, rechts, oben, unten. Wir zoomen instinktiv ran wenn uns etwas interessiert. Wir schweifen ab wenn uns etwas ablenkt.
(Übrigens: Dass unsere Ohren dabei unsere Welt weit über das Sichtfeld hinaus erweitern ist ein eigenes faszinierendes Thema. Mehr dazu in meinem Artikel über Tonaufnahme und warum der Ton wichtiger ist als das Bild.)
Die Kamera kann das nicht. Die Kamera zeigt immer nur einen Ausschnitt. Und diesen Ausschnitt müssen wir führen: bewusst, geplant, erzählerisch.
Das ist mir trotz meines Studiums häufig passiert: Ich führe ein Interview, sauge alles auf, schaue mich im Raum um . Im Schnitt sitze ich nachher und denke: Mist, warum schon wieder. Ich habe die wichtigen Erzählbilder vergessen.
Das ist von Situation zu Situation unterschiedlich. Gerade wenn man ein emotionales Gespräch führt, will man nicht mit der Kamera durch den Raum tanzen. Das verwirrt den Interviewpartner und seine Verwirrung verwirrt dann dich. Aber auch danach lässt sich noch einiges herausholen: Einstellungen hinterher drehen und sie über die gesprochenen Teile legen.
Damit dir das seltener passiert als mir am Anfang erkläre ich dir hier das System dahinter.
Inhalt
- Was sind Einstellungsgrößen?
- Die wichtigsten Einstellungsgrößen im Überblick
- Warum du sie brauchst – und wann du welche verwendest
- Die Five-Shot-Technik – eine Szene vollständig erzählen
- Einstellungsgrößen im Interview
- Schnittbilder nachdrehen – was du danach noch retten kannst
- Fazit & Checkliste
Was sind Einstellungsgrößen?
Einstellungsgrößen beschreiben wie groß oder wie nah ein Motiv im Bild erscheint. Sie sind das wichtigste Werkzeug um Nähe, Distanz, Emotion und Kontext zu erzeugen.
Ein und dieselbe Szene wirkt völlig anders je nachdem ob du sie aus der Totale – weit weg mit viel Kontext – oder in der Großaufnahme – nah dran mit maximaler Emotion – zeigst.
Die Kombination verschiedener Einstellungsgrößen erzählt eine Geschichte. Genau das ist Filmsprache.

Die wichtigsten Einstellungsgrößen im Überblick
Totale (T)
Was sie zeigt: Die gesamte Umgebung, der Ort, der Kontext. Personen sind klein, der Raum dominiert.
Wann sie passt: Als Eröffnungsbild (Establisher Shot) einer Szene – der Zuschauer weiß sofort wo er ist. Als Orientierungsbild wenn sich der Ort ändert.
Beispiel: Eine Bäckerei von außen, die Stadt, eine Fabrikhalle.

Halbtotale (HT)
Was sie zeigt: Personen von Kopf bis Fuß im vollen Kontext ihrer Umgebung.
Wann sie passt: Wenn Bewegung und Körpersprache wichtig sind. Wenn man zeigen will wie jemand in einem Raum agiert oder was im gesamten Raum passiert. Sie gibt Orientierung im Raum
Beispiel: Ein Bäcker der morgens seine Semmeln aus dem Ofen holt.

Amerikanische (A) – auch Cowboy-Einstellung
Was sie zeigt: Person von Kopf bis etwa zur Mitte der Oberschenkel. Sie kommt ursprünglich aus dem Genre Western und zeigt den Cowboy so, dass der „Revolver“ noch sichtbar wäre.
Wann sie passt: Klassisch für Interviews und Gespräche – zeigt Körperhaltung und Gestik ohne zu weit weg zu sein. Sie zeigt den gesamten Kontext einer Szene und ist trotzdem noch nah genug an der handelnden Person.
Beispiel: Zwei Personen im Gespräch, Hände noch sichtbar. Der Bäcker bei der Arbeit im Raum.

Halbnahe (HN)
Was sie zeigt: Person von Kopf bis zur Hüfte oder Taille. Die Ellenbogen sind noch mit im Bild.
Wann sie passt: Standardeinstellung für Interviews und Moderationen. Ausdrucksstark ohne zu intim zu wirken. Menschen bei ihrer Tätigkeit.
Beispiel: Der Bäcker bei seiner Tätigkeit.

Nahe (N)
Was sie zeigt: Kopf und Schultern, das Gesicht dominiert.
Wann sie passt: Wenn Emotionen wichtig werden. Wenn der Inhalt des Gesprächs persönlicher und intensiver wird. Wenn jemand auf einen Kontext reagiert.
Beispiel: Der Bäcker der seine Arbeit betrachtet.

Großaufnahme (G) – Close-Up
Was sie zeigt: Nur das Gesicht oder ein Detail, wie Hände, Augen, ein Produkt.
Wann sie passt: Bei maximaler Emotion und Intimität. Bei wichtigen Details die sonst übersehen werden, ein Lächeln, ein handwerkliches Detail.
Beispiel: Die Semmeln im Detail.

Detailaufnahme (D) – Extreme Close-Up
Was sie zeigt: Im Gesicht ein sehr kleines Detail, wie ein Auge, eine Narbe, eine Struktur oder ein Detail eines Produktes.
Wann sie passt: Selten, ist aber sehr wirkungsvoll wenn eingesetzt. Erzeugt maximale Spannung oder hebt ein Detail hervor das die Geschichte trägt.
Beispiel: Ein Detail von einer Semmel.

Warum du sie brauchst – und wann du welche verwendest
Die Einstellungsgröße ist nie zufällig. Sie ist immer eine Entscheidung: und diese Entscheidung trägt Bedeutung.
Groß = nah = emotional = subjektiv
Weit = Kontext = objektiv = Orientierung
Wenn du in einem Imagefilm einen Mitarbeiter zeigst, der stolz auf seine Arbeit ist, zeig zuerst die Totale seines Betriebs. Dann die Halbnahe bei der Arbeit. Dann die Großaufnahme seiner konzentrierten Hände. Dann sein Gesicht.
Der Zuschauer wird mitgenommen: von außen nach innen, von Kontext zu Emotion.
Die Five-Shot-Technik – eine Szene vollständig erzählen
Die Five-Shot-Technik ist eine der praktischsten Methoden um sicherzustellen, dass du von jeder Szene genug Material hast um sie vollständig zu erzählen. Sie kommt aus dem Videojournalismus und funktioniert für jeden, der Videos dreht.
Das Prinzip ist einfach: Jede Szene wird in fünf verschiedenen Einstellungen gedreht.
Wer?
Shot 1 – Großaufnahme Gesicht: Wer ist da? Die Emotion. Was fühlt sie dabei?

Wo?
Shot 2 – Totale / Weitwinkel Der Ort, der Kontext. Wo sind wir? Was passiert hier?

Was?
Shot 3 – Großaufnahme Hände oder Detail Das handwerkliche Detail. Was macht sie genau?

Wie?
Shot 4 – Halbnahe / Mittlere Einstellung Die Person bei der Tätigkeit. Wie macht sie es?

Wow!
Shot 5 – Ungewöhnliche Perspektive Der kreative Blickwinkel – von unten, von oben, von der Seite. Was macht diese Szene besonders? Spiegelungen, ungewöhnliche Positionen, ein Blick, den man nicht immer erhascht.


In der ARD Mediathek findet ihr hier noch ein Video, das die Five-Shot-Technik wirklich super gut visuell erklärt.
Warum die Technik so wirkungsvoll ist
Mit diesen fünf Einstellungen hast du im Schnitt alle Möglichkeiten. Du kannst die Szene lang oder kurz schneiden, emotional oder sachlich, dynamisch oder ruhig. Du bist nicht gefangen in einer einzigen Perspektive.
Und du vermeidest den klassischen Fehler: alle Bilder sehen gleich aus weil du immer denselben Abstand und denselben Winkel gehalten hast.
Einstellungsgrößen im Interview
Ich habe das im Artikel über Interview-Kadrierung ausführlich erklärt – hier die Kurzfassung:
Starte weiter weg. Geh näher ran wenn das Gespräch intensiver wird. Das Führungs-Auge bleibt dabei immer auf dem Goldenen Schnitt – egal wie nah oder weit du bist.
So fließt der Schnitt. Der Zuschauer merkt die Einstellungswechsel kaum.
Schnittbilder nachdrehen – was du danach noch retten kannst
Hier komme ich zur ehrlichsten Aussage dieses Artikels: Auch nach Jahren passiert es mir noch dass ich eine Szene drehe, alles aufsauge und dann im Schnitt merke, dass mir Bilder fehlen.
Besonders in emotional aufgeladenen Momenten will man nicht mit der Kamera durch den Raum tanzen. Das stört die Atmosphäre und irritiert die Menschen.
Was dann? Nachdrehen.
Direkt nach der Szene, solange die Person noch da ist, solange das Licht noch stimmt, kurz die fünf Einstellungen nachholen. Oft funktioniert das erstaunlich gut. Die gesprochenen Teile werden mit den Schnittbildern unterlegt – und der Zuschauer merkt nicht dass die Bilder nachträglich entstanden sind. Es wirkt, als würdest du deinem Gesprächspartner zuhören, dich aber nicht auf seinen Mund konzentrieren, sonder auf ein für dich wichtiges Detail.
Was du immer nachdrehen kannst:
- Detailaufnahmen von Händen, Gegenständen, Details
- Totale und Halbtotale des Ortes
- Reaktionsaufnahmen – jemand der zuhört, lächelt, nickt
Was sich schwer nachholen lässt:
- Spontane echte Emotionen
- Bewegungsszenen die organisch entstanden sind
- Den ersten authentischen Moment
Das ist der Grund warum ich heute sage: Manchmal ist das Organische wichtiger als das Perfekte. Mein Straßenmusiker-Interview hätte ich damals verwenden sollen, trotz mäßig guter Kadrierung.
Und wenn der Ton nicht passt? Kein Grund zur Panik. Was du mit KI noch retten kannst, zeig ich dir hier → Tonbearbeitung wenn alles schon zu spät scheint – wie KI deine Aufnahmen rettet
Du kennst jetzt die Einstellungsgrößen – aber wie du das Bild im Rahmen optimal komponierst, ist noch mal eine eigene Kunst. Zwei Artikel dazu:
→ Warum deine Fotos langweilig aussehen – und wie du das mit einem Trick änderst
→ Das perfekte Interview-Bild – wie der Goldene Schnitt dein Interview professionell macht
Fazit & Checkliste
Einstellungsgrößen sind Filmsprache. Je mehr du sie bewusst einsetzt desto mehr erzählen deine Bilder ohne ein einziges Wort.
Deine Checkliste für die nächste Aufnahme:
✅ Totale als Eröffnungsbild – wo sind wir?
✅ Mittlere Einstellung für Tätigkeiten und Gespräche
✅ Großaufnahme für Emotion und Details
✅ Five-Shot-Technik anwenden
✅ Wechsel der Einstellungsgröße = Wechsel der emotionalen Nähe
✅ Schnittbilder nie vergessen – lieber zu viele als zu wenige
✅ Was sich nicht live holen lässt: direkt danach nachdrehen
Du möchtest lernen wie du professionelle Videos für deinen Betrieb drehst? In meinem Workshop zeige ich dir Einstellungsgrößen, Five-Shot-Technik und alles was du brauchst um Videos zu produzieren die wirklich erzählen.
Du weißt jetzt wo du anfangen sollst – aber hast keine Zeit oder Nerven das alles selbst umzusetzen? Genau dafür bin ich da. Ich helfe Betrieben in Rosenheim und Südostoberbayern – mit Strategie und Know-How.


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