Es war während meines Studiums, genau da hat sich die digitale Filmwelt neu erfunden.
Die RED One war die erste weit verbreitete digitale Kinokamera die auf 4K mit einem Super-35-Sensor setzte und als erste RAW aufzeichnen konnte mit einem Dynamikumfang von 11 Blenden. Das war ab 2007. Wenige Jahre später, im November 2011, stellte Canon die EOS C300 vor. Sie hatte einen CMOS-Sensor der jedes einzelne Sensorpixel mit einer eigenen Mikrolinse versehen hatte. Das ermöglichte eine bis dahin unvorstellbare Lichtempfindlichkeit.
Das ist Technik-Geschichte. Aber ich will euch in diesem Artikel nicht mit meinen Nerd-Wissen nerven. Es geht um eine Frage, die sich jeder stellt, der Videos dreht: Brauche ich externes Licht? Und wenn ja, wie setze ich es sinnvoll ein? Die Antwort auf diese Frage hat sich mit den technischen Neuerungen eben verändert. Mit den ersten digitalen EB-Kameras war Licht kaum verfechtbar, bei Filmkameras war gar nicht dran zu denken. Denn es war einfach nur möglich 5 Blendenstufen abzubilden. Alles darunter war schwarz unterbelichtet und darüber weiß überbelichtet. Heute sieht es durch die technische Revolution oft anders aus. Mit 11 Blenden Dynamikumfang sind wir schon nahe an den 16 Blenden, die unser Auge schafft.
Licht ist die Farbe auf dem Malpinsel des Filmemachers. Hier zeige ich dir wie du schnell gute Entscheidungen für dein Bild triffst.
Inhalt
- Was ist Available Light – und warum ist es mehr als ein Kompromiss?
- Weißabgleich – die Grundlage
- Licht und Kameraposition beim Interview
- Dramatisch, flach oder gegenlichtig – drei Wirkungen
- Die Dreipunktbeleuchtung – wann und wie
- Mischlichtsituationen – die größte Falle
- Fazit & Checkliste
Was ist Available Light – und warum ist es mehr als ein Kompromiss?
Available Light bedeutet: du filmst mit dem Licht das bereits vorhanden ist. Sonnenlicht, Fensterlicht, vorhandene Raumbeleuchtung. Du nutzt alles was da ist ohne dass du selbst Licht aufbaust.
Das klingt nach Sparmaßnahme. Ist es aber nicht, wenn man es richtig macht.
Seit der digitalen Revolution – RED, Canon C300, Sony A7s – können Kameras in Lichtsituationen arbeiten, die früher undenkbar gewesen wären. Hohe ISO-Werte ohne störendes Rauschen, große Sensoren die wenig Licht brauchen. Das hat das Denken über Licht grundlegend verändert.
Es gibt die einen die sagen, man kommt nie ohne Kunstlicht aus und andere, die ausschließlich Available Light nutzen. Ich steh dazwischen. Man muss Licht nicht völlig neu denken. Das beste aus beiden Welten lässt sich perfekt nutzen, wenn man die Grundbedingungen verstanden hat.
Die wichtigste Regel für Available Light: Stell dein Motiv nie gegen das Licht, sondern ins Licht. Die Person soll der Lichtquelle zugewandt sein, du stehst zwischen Motiv und Fenster. Das reicht oft für ein weiches, natürliches, professionelles Bild.
Fun Fact – DOGMA 95:
Available-Light löste schon lange vor der technischen Revolution eine filmgeschichtliche aus. Am 13. März 1995 unterzeichneten die dänischen Regisseure Lars von Trier, Thomas Vinterberg, Kristian Levring und Søren Kragh-Jacobsen das DOGMA 95 Manifest. Sie präsentierten es eine Woche später im Pariser Odéon-Theater, bei einem Symposium zum 100. Geburtstag des Kinos. Lars von Trier stürmte die Bühne, verkündete das Manifest, warf rote Flugblätter ins Publikum und verschwand ohne weitere Erklärungen.

Ihr „Keuschheitsgelübde“ verbannte künstliches Licht komplett. Außerdem wollten sie keine Effekte, keine Filter, nur Handkameras, Originalschauplätze und wie gesagt nur natürliches Licht in ihren Filmen verwenden. Für unser Verständnis von Social-Media ist das kaum noch vorstellbar. Doch damals entstanden vier völlig unterschiedliche Filme, von denen jeder seine eigene, unverwechselbare Wirkung entfaltete. „Das Fest“ von Vinterberg und „Idioten“ von Lars von Trier wurden 1998 in Cannes vorgestellt und schüttelten die Filmwelt durch.
Das Paradoxe: Die radikale Einschränkung erzeugte keine Gleichförmigkeit, sondern maximale Unterschiedlichkeit. Was das zeigt: Available Light ist eben keine Einheitsgröße. Auch damit hat man einen Pinsel und den führt jeder anders.
Weißabgleich – die Grundlage die alles verändert
Aber zurück zum Wesentlichen. Bevor wir über Lichtsetups reden, widmen wir uns dem Weißabgleich. Er ist das Fundament. Falsch eingestellt macht er aus warmem Abendlicht einen kalten Blaustich oder aus kühlem Tageslicht eine orange Suppe. Ich will nicht zu technisch werden. Der Grund kurz erklärt: Die Kamerasensoren können mit Licht nicht so umgehen, wie unsere Augen es können.
Die zwei wichtigsten Grundwerte:
- Tageslicht / Daylight: 5.600 Kelvin – bläulicher Charakter
- Kunstlicht / Tungsten: 3.200 Kelvin – wärmerer, rötlich-gelblicher Charakter
Was das für dich bedeutet? Stelle deinen Weißabgleich immer manuell ein, besonders wenn du mit mehreren Kameras drehst. Die Automatik wechselt ständig und erzeugt im Schnitt uneinheitliche Farbstimmungen die schwer zu korrigieren sind.
Manueller Weißabgleich: Weißes Papier bildfüllend ins dominierende Licht halten und den manuellen WB-Knopf drücken. Die Kamera kalibriert sich auf dieses Weiß. Danach werden alle Farben korrekt wiedergegeben.
Wichtig: Den Weißabgleich immer erst nach der Belichtungseinstellung machen. Bei überbelichtetem Bild erscheint auch eine blaue Tafel weiß. Das verfälscht den Abgleich.

Licht und Kameraposition beim Interview
Hier ist die entscheidende Erkenntnis: Sie gilt für Available Light genauso wie für externe Lichtquellen.
Die Konstellation Licht – Kamera – Interviewpartner bestimmt die gesamte Wirkung des Bildes.
Schau dir die möglichen Positionen an:
Frontales Licht (Licht hinter der Kamera) kommt von vorne auf das Gesicht, flach, gleichmäßig, mit wenig Schatten. Das wirkt sachlich und direkt, ist gut für Nachrichtenbeiträge und sachliche Informationen. Oft wirkt es aber auch sehr langweilig.
Seitenlicht (Licht von der Seite) erzeugt Schatten auf einer Gesichtshälfte. Es modelliert das Gesicht, gibt Tiefe und Charakter, wirkt dramatischer und persönlicher.
Gegenlicht (Licht hinter dem Motiv) macht die Person zur Silhouette. Das Gesicht ist dunkel, die Kontur leuchtet. Es wirkt sehr dramatisch und ist nur selten das was du willst. Meistens passiert es unbeabsichtigt wenn jemand vor einem Fenster sitzt.
Die goldene Regel: Setze niemals den Interviewpartner gegen das natürliche Licht. Wenn ein Fenster im Raum ist, dann musst du entweder die Person weg vom Fenster setzen, oder mit der Kamera so stehen, dass das Fensterlicht von vorne oder seitlich auf das Gesicht fällt.
Das Führungslicht: Am Besten positionierst du die Hauptlichtquelle so, dass sie von etwa 30-45 Grad hinter dir auf die interviewte Person fällt. So bekommst du ein gutes Mittel: gut belichtet aber nicht zu flach.

Dramatisch, flach oder gegenlichtig – drei Wirkungen
Die Position des Lichts zur Kamera erzeugt also drei grundlegende Bildwirkungen. Du kannst sie bewusst einsetzen. Hier nochmal im Filmjargon zusammengefasst:
Flach Licht von vorne, also von hinter der Kamera. Sachlich, gleichmäßig, wenig Schatten. Für Informationsvermittlung.
Dramatisch Licht von der Seite. Tiefe, Schatten, Charakter. Für emotionale Momente.
Gegenlichtig Licht von hinten, also direkt zur Kamera hin für Silhouetten, Konturen, oder ein dunkles Geheimnis. Bewusst eingesetzt ist es ein starkes Stilmittel, unbeabsichtigt aber ein häufiger Fehler.
Available Light in einem normalen Raum erzeugt meistens eine Mischung dieser Wirkungen je nachdem wo du die Kamera und die Personen platzierst. Das kannst du beeinflussen, ohne ein einziges Licht aufzubauen.
Die Dreipunktbeleuchtung – wann und wie
Wann brauchst du externes Licht?
- Wenn das vorhandene Licht zu schwach ist
- Wenn du die Lichtstimmung aktiv gestalten willst
- Wenn Mischlicht (Sonne und Kunstlicht gleichzeitig) ein Problem wird
- Bei professionellen Interviews und Imagefilmen
Das klassische System ist die Dreipunktbeleuchtung – drei Lichtquellen die zusammen ein vollständiges, professionelles Bild ergeben.
Licht 1 – Das Hauptlicht (Führungslicht)
Sie modelliert das Gesicht, erzeugt die Hauptschatten und bestimmt die Grundstimmung. Positioniere sie seitlich vor dem Motiv, etwa 45 Grad zur Seite und leicht von oben.
Licht 2 – Das Fülllicht (Aufhellung)
Es ist ungefähr um die Hälfte schwächer als das Hauptlicht. Es füllt die Schatten die das Hauptlicht erzeugt, damit keine Bildpartien zu dunkel werden. Steht auf der gegenüberliegenden Seite des Hauptlichts mit ca. 90 Grad zum Motiv. Das Verhältnis zwischen Haupt und Fülllicht bestimmt wie dramatisch oder gleichmäßig das Bild wirkt. Die Stärke der Lampen kannst du mit der Entfernung zum Motiv beeinflussen.
Licht 3 – Das Rücklicht (Spitze)
Es beleuchtet von hinten oben und trennt die Person vom Hintergrund. So bekommst du Kontur und Tiefe. Oft wird es unterschätzt, ist aber enorm wirkungsvoll. Ohne Spitze verschmilzt die Person visuell mit dem Hintergrund.

Praktische Tipps
Günstige Alternativen: Professionelle Filmleuchten sind teuer. Für den Anfang funktionieren auch günstige LED-Panels gut. Wichtig ist, dass die Farbtemperatur einstellbar ist (bi-color). So kannst du sie auch in Mischlichtsituationen gut einsetzen.
Reflektor statt Fülllicht: In vielen Situationen reicht ein einfacher Reflektor. Nimm weiße Pappe, Styropor oder einen kaufbaren Klappreflektor um Schatten aufzuhellen. Platziere deinen Reflektor so, dass er beispielsweise die Sonne auffängt und dann auf dein Motiv reflektiert. Das kostet fast nichts und ist immer leicht mitgenommen.
Sun Bounce: Das ist ein größerer Reflektor, der Sonnenlicht auf das Motiv zurückwirft. Er ist besonders wirkungsvoll, wenn du außen größere Flächen in Szene setzen möchtest und das vollkommen ohne Strom.
Mischlichtsituationen – die größte Falle
Das ist die häufigste und schwierigste Situation: Im Raum gibt es Tageslicht vom Fenster und gleichzeitig leuchtet die Deckenbeleuchtung. Zwei verschiedene Farbtemperaturen – 5.600 K und 3.200 K – treffen aufeinander.
Das Ergebnis: Egal welchen Weißabgleich du wählst – eine Lichtquelle sieht immer falsch aus. Entweder ist das Tageslicht zu blau oder das Kunstlicht zu orange.
Die Lösungen:
Option 1 – Eine Lichtquelle eliminieren: Mach die Vorhänge zu und arbeite nur mit Kunstlicht. Oder schalte alle Kunstlichter aus und arbeite nur mit Tageslicht. Das ist einfach und oft die schnellste Lösung.
Option 2 – Farbfolien (Gels): Vor das Kunstlicht kannst du eine blaue Folie (CTB – Color Temperature Blue) kleben um es auf Tageslichtniveau zu bringen. Oder umgekehrt orange Folien (CTO) vor das Fenster oder die Balkontür installieren.
Option 3 – Bi-color LED: Moderne LED-Panels mit einstellbarer Farbtemperatur können zwischen 3.200 K und 5.600 K gewählt werden und passen sich flexibel an. Damit kannst du deine Lichtsituation so modellieren, dass sie nicht komplett aus dem Ruder läuft.
Die wichtigste Faustregel: Vermeide Mischlicht. Wenn das nicht möglich, entscheide aktiv, welche Lichtquelle dominiert und gleiche die andere an oder eliminiere sie am Besten.
Fazit & Checkliste
Available Light oder Dreipunktbeleuchtung – die Antwort ist: es kommt drauf an.
Available Light ist nicht die billige Lösung. Es ist eine bewusste Entscheidung für Authentizität, Schnelligkeit und natürliche Wirkung. Richtig eingesetzt erzeugt es sehr gute Bilder.
Die Dreipunktbeleuchtung gibt dir Kontrolle über Stimmung, Modellierung und den Hintergrund. Wenn du die Zeit hast es aufzubauen und das Budget für gutes Equipment, dann nutze es.
In den meisten Fällen liegt die Wahrheit dazwischen: ein vorhandenes Licht nutzt du durch Umstellen der Person optimal und ergänzt einen LED-Panel oder einen Reflektor, der die Schatten aufhellt.
Deine Checkliste:
✅ Weißabgleich immer manuell einstellen – niemals Automatik
✅ Person nie gegen das Licht setzen – immer ins Licht
✅ Fensterlicht als natürliches Hauptlicht nutzen
✅ Mischlicht vermeiden oder aktiv angleichen
✅ Dreipunktbeleuchtung wenn Zeit und Equipment vorhanden
✅ Reflektor als einfaches, günstiges Fülllicht
✅ Lichtposition bewusst wählen – flach, dramatisch oder gegenlichtig
Du möchtest lernen wie du professionelles Licht setzt – für dein Handy, deine Kamera oder dein nächstes Kundenvideo? In meinem Workshop zeige ich dir genau das – praxisnah und direkt anwendbar.



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